Im World Wide Web sieht sich die visuelle Gestaltung plötzlich mit gänzlich neuen Problemen konfrontiert

Wenn Tabellen zu Zahlenbrei werden

Zwar gilt das html-Protokoll als die Universalsprache des World Wide Web, doch die Browser (Programme, die diese Sprache interpretieren) stiften immer wieder Verwirrung. Das hat für die visuelle Gestaltung von Websites einschneidende Konse­quenzen. Denn nicht alles, was auf der einen Seite ins Netz ge­langt, kommt auf der anderen gleich wieder raus.

cpwissen, 4. Juni 2017

Von Thomas Brenzikofer

Vom Push- zum Pull-Medium: So bringen die Apostel der neuen Medien die gegenwärtige Kom­munikationsrevolution auf den Punkt. Der Konsument zieht vom Inhaltsangebot herunter, was ihm beliebt, und will sich nicht mehr länger passiv mit irgendwelchen Botschaften bombardieren las­sen. Darauf muss sich vor allem auch die Werbung einstellen, wel­che wie keine andere Kommuni­kationsform den Bedingungen der Massenkommunikation un­terworfen ist.

Allerdings geht die neue Ent­scheidungsfreiheit des Benützers von neuen Medien weiter als gemeinhin angenommen. Sie be­trifft nämlich nicht nur den In­halt, sondern auch die Form des Kommunikats. Das Schreckge­spenst heisst «User Preference»: Der Benützer kann zum Beispiel Schriftgrösse und Schriftart nach Belieben auswählen und so die CI eines Unternehmens per Mausklick zerstören.

Tempolimiten auf der Infobahn 
Weitaus grössere Steine werden aber dem Web-Designer von der Hard- und Software in den Weg gelegt. Wird ein TV-Spot von allen Fernsehgeräten – wenn auch mit Qualitätsunterschieden – in der­selben Form empfangen, ist dies bei einer Website schon keine Selbstverständlichkeit mehr. Nicht alles kommt nämlich beim Benüt­zer so an, wie es der Absender ins Netz geschickt hat.

Das liegt zum Teil an der sehr unterschiedlichen Ausrüstung der Internet-Surfer. Denn je nach Farbentiefe und Bildauflösung sind zum Beispiel die Farbnuan­cen eines Säulendiagramms auf dem Bildschirm schon nicht mehr unterscheidbar – und die Mühe des Gestalters deshalb für die Katz. Wichtiger noch ist aber die Leistungsfähigkeit des Modems. Überschreitet ein Website die gegenwärtige Tempolimite auf der Infobahn von durchschnitt­lich 1 Kilo-Byte in der Sekunde, so überholt er damit auch das Gros der Benutzer, die dann Mi­nuten warten, bis das «schwere» Bildmaterial endlich auf ihrem Bildschirm erscheint. So kann man es sich mit dem Web-Publi­kum verderben, und zwar auf Nimmerwiedersehen.  

Nicht alles kommt beim Benützer so an, wie es ins Netz geschickt wurde. Die Homepage des «Tages-Anzeigers» im Browser-Salat: links so wie sie von Arnold Design für einen html-3.0-Browser (Netscape 2.0) konzipiert wurde und mit einer geringen, aber unschönen Abweichung (Mitte) auch noch vom «Internet Explorer» (Microsoft) gelesen werden kann. Rechts: die «Tagi»-Homepage mit dem html-2.0-Browser «Spry Mosaic», mit dem die 42 000 Compu­Serve-Abonnenten in der Schweiz bisher aufs Web gingen.

Babylonische Sprachenverwirrung
Die meisten Sorgen bereitet den Web-Designern allerdings die ra­sante Entwicklung der Internet ­Software. Zwar hat sich das am Cern in Genf entwickelte html-­Protokoll (html = hyper-text-mark­up-language) als Web-Universal­sprache durchgesetzt. Doch die Browser, also jene Programme, welche diese «Muttersprache» interpretieren, stiften immer wie­der Verwirrung. Denn mit der Kommerzialisierung des Web ist auch das html-Protokoll frei­gegeben, das heisst, den frei­en Marktkräften ausgesetzt wor­den.

So hat Netscape bereits die dritte html-Version zum Stan­dard erhoben. Doch html 3.0 können andere Browser, etwa Mosaic, bereits nicht mehr lesen. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Wer sein Web-Site gemäss dem neuesten Web-Standard kreiert, riskiert, von etlichen Web-Benützern nicht mehr so gesehen zu werden, wie er es eigentlich beabsichtigte. Dessen war man sich auch bei Arnold Design bewusst. Dennoch staun­te man nicht schlecht, als die Ab­bildungen in WW 7/96 von der Homepage des «Tages-Anzei­gers» nichts mehr mit dem zu tun hatte, was das Team einst gestal­tet hatte. Grund: Der Screenshot basierte auf einer älteren Net­scape-Version.

Eigentlich können praktisch alle neuen Browser-Versionen je­derzeit direkt vom Web runterge­laden werden. Doch das Beispiel zeigt, dass dies längst nicht alle tun. Die Sites erscheinen ja auch so, und an der grafisch unzuläng­lichen Aufmachung scheinen sich längst nicht alle zu stören.

Der Browser-Salat
Genau dasselbe Schicksal ereilt die gegenwärtig rund 42 000 CompuServe-Abonnenten in der Schweiz. Denn auch ihr Browser namens «Spry Mosaic», den sie bisher fürs Internet mitgeliefert bekamen, versteht lediglich die html-2.0-Version. Sofern es um ein paar verschobene Pressbuttons geht, mag man solche Diffe­renzen ja noch hinnehmen. Wenn indessen das virtuelle Anmelde­formular eines Abos bis zur Un­kenntlichkeit entstellt wird, dann ist die Funktionalität des Website nachhaltig beeinträchtigt. (Aufgrund von letzten Meldun­gen scheint das Prohlem indes entschärft: CompuServe soll mit Netscape einen Vertrag unter­schrieben haben.)

Wäre es also nicht vernünfti­ger, man würde in jener Compu­tersprache kommunizieren, die alle Endgeräte verstehen? «Die­sen Vorwurf könnte man uns durchaus machen», meint Lukas Huggenberg von Arnold Design, «allerdings kann man den Spiess auch umdrehen: Warum sollten diejenigen, die technisch avan­cierter sind, auf gewisse Gestal­tungselemente wie zum Beispiel Tabellen verzichten müssen, nur weil noch nicht alle soweit sind?» Tatsächlich stellt sich aber die Frage noch radikaler: Werden auf der Infoautobahn jemals alle gleich schnell fahren? Huggen­berg: «Nein, es wird immer eine Elite geben, die auf der Überhol­spur fährt.»

Die rund 30 Millionen Web-­Benützer werden also auch wei­terhin mit verschiedenen Brow­sern durchs Netz surfen. Zwar ist Netscape mit seinem «Naviga­tor» in Europa mit geschätzten 80 Prozent (in den USA mit 60 Pro­zent) Marktleader. Doch auch Microsoft wartet mit einem eige­nen Browser auf: «Internet Ex­plorer». Das ist verständlich, denn der Software-Gigant möch­te die Goldgrube nicht allein Netscape überlassen. Zu ihnen gesellt sich allerdings noch ein dritter Spieler: der Powerbrowser von Oracle, der nach jüngsten Meldungen für die grafische Er­scheinung des «Guides» von Ru­pert Murdoch’s News Corp. ein­gesetzt werden wird. Das Kräfte­messen dürfte also vorläufig zu keinem Ende kommen.

Anmeldeformular für die Nacht der Fotografie vom Web-Site der TA-Media, rechts so, wie es mit Netscape 2.0 aussehen sollte, links mit einem html-1.0-Browser (Mosaic 1,03). Accrobat-Technologie (links) schützt vor User-Preferences (Mitte und rechts), mit denen Web-Surfer Schriftart und Schriftgrösse frei wählen können und damit manches CD-Konzept durcheinander bringen.

Dabei dreht sich die Frage we­niger darum, was die Browser können, sondern welcher von ih­nen die Standards setzt. Diese Rolle besetzt momentan noch Netscape. Doch mit den neuesten Technologien dürfte sich die La­ge kaum entwirren. Denn bei der html-Erweiterung «Java» von Sun Microsystems werden die Programme, die es zur Darstel­lung eines Web-Site braucht, di­rekt vom Web auf den Rechner des Benützers geladen. Viele die­ser sogenannten «Applets» wer­den von der jüngsten Netscape ­Version unterstützt. Aber auch der Internet-Explorer wird bald soweit sein. Allerdings nicht auf Java-Basis, sondern im eigenen Microsoft-OLE-Format.

Zurück zur Steinzeit?
Was bedeutet das alles für die Gestalter von Web-Sites? Für Othmar Wirth von der Firma Te­lesoft in Zürich ist offenkundig, dass zumindest die Homepage einer Site, also der Einstieg, so gehalten werden muss, dass sich alle dazu klicken können. «Erst in der Verästelung», so Wirth wei­ter, «macht es Sinn, Spezialpro­gramme anzuwenden.» Auch der IT-Berater Pascal Misere von MCS in Basel ist ein Gegner von blindlings aufgemotzten Web-Sites: «Das erhöht nur die Warte­zeiten und damit die Telefonrech­nung des Benutzers, ohne dass er dafür unter dem Strich mehr In­formation erhält.»

Das heisst also, dass sich die Web-Designer quasi ins Stein­zeitalter der visuellen Gestaltung zurückversetzt sehen. Die Krea­tivität beschränkt sich allenfalls auf das Design von «Pressbut­tons». Andererseits zwingen ihn die beschränkten Möglichkeiten auch dazu, äusserst konzeptionell zu arbeiten. lm Vordergrund steht die Frage: Was macht auf welcher Ebene der Informations­vermittlung Sinn? Ein fotografi­sches Bild als Einstieg auf der Homepage etwa ist wegen der langen Wartezeit geradezu fatal.

Dennoch hängen immer wie­der viele kommerzielle Anbieter über hundert Kilobyte schwere Fotos ins Web. Es scheint, dass sich die visuellen Gestalter nach Jahren der fast unbeschränkten Möglichkeiten auf dem Mac nur widerwillig wieder an eine alte Regel gewöhnen wollen: Weniger ist mehr.

Urs Arnold von Arnold Design über visuelle Kommunikation im World Wide Web

«Gestaltung war noch nie beschränkt,
höchstens der Gestalter»

Internet heisst Anarchie. Der Web-Benützer kann selber be­stimmen, in welcher Schriftart und Schriftgrösse er eine Website betrachten möchte. Verliert die visuelle Gestaltung dadurch an Bedeutung?

Urs Arnold: Wieso? Schon als das Desktop-Publishing aufkam, hiess es, jetzt wird jeder seinen Briefkopf selber gestalten. Wenn man natürlich Gestaltung rein formal auffasst, dann ist an Ihrem Szenario schon was dran. Gestal­tung ist aber für mich der Aus­druck einer Haltung, und als sol­che ist sie zwar vom jeweiligen Medium beeinflusst, aber nicht abhängig. Im übrigen finde ich die Anarchie auf dem Web etwas Positives. Ich finde es faszinie­rend, dass ein kleiner Anbieter plötzlich gleichviel Publikum er­reicht wie ein Riesenkonzern. 

Viele Internet-Benützer der ersten Stunde meinen aber Gestaltung im Web sei überflüssig, weil sie nur Bits frisst und so den Daten­transfer verlangsamt. 

Arnold: Prinzipiell stimmt das natürlich. Nur müsste man dann konsequenterweise auch behaupten, dass es genüge, wenn etwa die Butter auf der Verpackung nur noch mit «Butter» ange­schrieben würde. So gesehen ist überhaupt der Grossteil dessen, was gestaltet wird, überflüssig. Ob wir uns aber in einer Welt wohlfühlen, in welcher nichts mehr gestaltet werden darf, ist eine andere Frage. Und die glei­che Frage stellt sich auch fürs In­ternet. Cyberspace nur im Text­format ist auch eine Form der Gestaltung, doch wäre dies äus­serst reizlos. 

Welches sind denn im Web die wirkungsvollsten Gestaltungsmit­tel? 

Arnold: Die Geschwindigkeit ist ein sehr wichtiger Parameter für die visuelle Gestaltung im Web. Web-Design beruht also auf «low calories» und muss entsprechend mit möglichst wenigen Bits aus­kommen. Diese beschränkten Mittel bedeuten aber nicht, dass man nicht etwas Gutes daraus machen kann. Gestaltung war noch nie beschränkt, höchstens der Gestalter. 

Das wichtigste Signal im Web sind die Pressbuttons. Die sprechen aber nicht nur das Auge, sondern auch den Tastsinn an. Inwiefern verhindert der Mausklick die visu­elle Gestaltung? 

Arnold: Die Interaktivität verän­dert in erster Linie das Informa­tionsverhalten und weniger die Gestaltung. Dennoch kommt mit dem Mausklick eine gewichtige neue Dimension hinzu. Die Ge­staltung bewegt sich nämlich jetzt nicht mehr nur an der Ober­fläche, sondern muss auch in die Tiefe gehen. Schon der Inhalt, al­so das, was man zeigen will und kann, wird zum Bestandteil des Gestaltungskonzeptes. Die Ge­staltung wird also informeller.

Mit dem Internet gerät die visuel­le Gestaltung auch zunehmend in Abhängigkeit von technischen Bedingungen. Ohne profundes Computer-Know-how kann man mil der rasanten Entwicklung kaum mehr Schritt halten. Wird der visuelle Gestalter da nicht vom Cyberfreak überrumpelt? 

Arnold: Natürlich sind die Anfor­derungen gestiegen. Doch ein guter Gestalter bleibt ein guter Gestalter. Neue Techniken sind ja zum Glück lernbar, gute Gestal­tung ist es hingegen nur bedingt. Zurzeit steckt das Web noch in den Kinderschuhen. Erst seit die grossen Firmen dieses Medium für sich zu entdecken beginnen, setzt allmählich ein Prozess der Professionalisierung ein. Für die visuelle Gestaltung bedeutet die­se Entwicklung auch ein enormes Marktpotential.

Interview: Thomas Brenzikofer

Urs Arnold
Seidenparkwed 7
CH–8712 Stäfa
Switzerland

mail@arnoldurs.ch
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