Multimediale Museumsmöbel

Im Schwyzer Forum der Schweizer Geschichte geben Datenbanken, Infopoints und multimediale Werkstätten Geschichtsunterricht. Ein Augenschein bei den Computerbildern und ein paar Bemerkungen zu ihrem Design.

Von Ruedi Widmer

Ein Ort des Zusammentreffens – das verspricht der Name des 1995 eröffne­ten Ablegers des Schweizerischen Landesmuseums in Schwyz: Forum der Schweizer Geschichte. Zusammen treffen hier Objekte aus der Zeit zwi­schen 1300 und 1800 mit dem Publi­kum, insbesondere mit Schülerinnen und Schülern. Zusammen treffen aber auch ein ehemaliges Zeughaus (ge­baut 1711), ein komplett neuer Innen­bau mit vier Stockwerken, geplant von den Architekten Steiner, Scheitlin und Syfrig, eine museale Gestaltung, reali­siert von Harry Zaugg, ein grafisches Design von Lars Müller sowie ein mul­timediales Museum, geplant und ge­staltet von Historikern zusammen mit dem Atelier Arnold Design aus Uerikon am Zürichsee. Seine drei Teile heissen: Objektdatenbank, Infopoints und Werkstätten.

Erste Station: Katalogisieren
Im Parterre stehen in einem grossen, hohen Raum Objekte wie Gefässe, Werkzeuge oder Modelle zum Thema ,Umwelt nutzen>. Kurze Texte auf Tafeln leiten in Zeiten und Themen ein. Alles ist hier auf die Objekte hin inszeniert. Bis auf eine anthrazitfarbene Konsole. Dezent in der Grösse, kompakt ver­packt in Blech, zentral positioniert und doch irgendwie verloren: ein ver­schämtes Maschinenhirn, das man zu­erst als Möbel finden, als Informati­onsquelle erschliessen und als Com­puter erahnen muss. Das hat auch mit der Lichtführung zu tun. Unter vielen kleinen, quadratischen Fenstern und Spots ist der Bildschirm in der Konsole bloss ein Lichtfleck mehr im allgemei­nen Halbdunkel – einer, der erst bei näherem Hinsehen sagt: Berühre mich! Touchscreen: Über eine farblich sparsame und daher orientierungsfreund­liche Oberfläche, gelange ich zu einfa­chen Suchkriterien. Objektnummer, Objektkategorie oder Themenkreis füh­ren zum Objekt in der Datenbank. Bei­spielsweise zum «schön verzierten Melkeimer» zu dem neben der Nummer ein Abbild und ein Text mit näheren An­gaben gehört. Für Geduldige spuckt ein Drucker beides als Papier aus dem Schlitz in der Konsole.

In der Ausstellung gibt es bewusst we­nig zu lesen. Weil daher viele der Ob­jekte gewissermassen als Fragen im Raume stehen und kein gedruckter Ka­talog zu haben ist, drängt sich die kleinwüchsige Konsole als hilfreicher Zwischenhalt auf. Der Katalog, den ich mir dort selber zusammenstelle, er­hellt die Geschichte der einzelnen Ex­ponate. zusammenhänge bleiben zu­meist ausgespart.

Infopoint Ernährung: z.B. Unterricht in städtischer Nahrungsproduktion

Zweite Station: Kichern
Im ersten Stock, gleich beim Ausgang aus dem konischen Treppenhaus, ste­hen drei weitere Konsolen derselben Art nebeneinander. In der einen steckt nochmals eine . Die bei­den übrigen sind . Benutz­bar ist vorderhand aber nur ein einzi­ger Touchscreen mit einem einzigen Programm, das sich mit dem Thema <Ernährung> beschäftigt. Es geht dabei seinen eigenen, mit den Exponaten kaum verbundenen Weg. Der Besucher setzt sich auf den Hocker und geht mit. Hinein in ein zweites Museum.

Führung – im Forum generell ein knap­pes Gut – wird hier ausreichend gelie­fert. Eine Einleitung («Vom Mus zum Big Mac») führt bis zu einer symbolisierten Wegkreuzung mit sieben Kapiteln, die fortan als Ikone der stets anwählbare Fixpunkt der Navigation sein wird. Hier ist plötzlich alles bunt. In den Kapiteln und Unterkapiteln zu Themen wie Tischsitten oder Hungersnöte stecken kurze Sequenzen mit Kommentar in so­norem Hochdeutsch, vergleichbar ei­ner vorproduzierten Diaschau oder ei­ner illustrierten Schulfunksendung. Sie schwanken zwischen wissenschaft­lichem Ernst, Spielfreude und Dekoration. Parallel dazu sind andere Infor­mationsformen anwählbar: Ein un­übersichtlicher Index, ein visuell witzig umgesetztes Spiel (), wo ich mein Vorwissen über einstige Essgewohnheiten mit der Wahrheit konfrontieren kann. Übers Ganze regt die abwechslungsreiche Sammlung von einführenden Sinnes­- und Wissenshappen an. Es defilieren historische Rosinen aus Küchen und Kloaken. Kichern bei Jugendlichen am Touchscreen, wenn Schmatzen und Rülpsen (leise) zu hören und das Bra­ten der Seelen in der Hölle via Tonspur zu erleben sind.

Offensichtlich ist der Infopoint dazu da, Laune aufkommen zu lassen. Das Pro­gramm tut seine Pflicht als zurückhal­tender, informativer Alleinunterhalter ohne allzuuviel dramaturgische Stilsi­cherheit. Es zielt auf die Mundwinkel ­und trifft gut.

Dritte Station: Können
Laut dem Aufsichtspersonal ist just das Projekt beim Publikum am beliebte­sten, welches die grössten Ansprüche und die kleinste Navigationsfreiheit aufweist: Die drei Werkstätten «Spuren im Bild», «Spuren im Text» und «Spuren im im Boden» laufen in Computer mit Mäu­sen und Tastaturen auf Tischen unter der Dachschräge. Davor verbringen viele der meist jugendlichen Besuche­rinnen und Besucher eine Stunde oder mehr. Das Thema auf dem obersten Bo­den ist das Historiker-Handwerk. Man lernt Texte entziffern und interpretie­ren, Bilder lesen und beurteilen, Gegenstände ausgraben und zuordnen. Und am Schluss winkt gar ein «Diplom». Die Gestaltung hilft den werdenden Hi­storikern, sich zu orientieren, sich zu konzentrieren und dem strengen Le­serhythmus folgen zu können.

Wer sich einlässt, beginnt mit Lesen. Mittellange Lauftexte in eher kleiner Schriftgrösse helfen verstehen. Vor je­dem neuen Schritt werden Kenntnisse wiederholt und geübt – zum Beispiel wie eine mittelalterliche Schrift trans­kribiert wird. Oder ein anderer lehrt, wie Karten zu lesen sind. Wer nicht wei­terkommt, kann einfach Hilfe finden. Die Werkstätten leisten vom Script bis zur Grafik, was gefragt ist: Sie reduzie­ren das historische Material auf weni­ge Informationen, Beispiele und Illust­rationen. Sie verlaufen im einzelnen wohl variabel, verlieren aber das über­greifende Gesicht nicht. Und das Fund­stück, mit dem ich mich beispielhaft befasse, liegt in der Vitrine gleich ne­ben dem Bildschirm.

Eine Schicht tiefer
So wandert der Blick linear in den Werkstätten oder nichtlinear in den In­fopoints und der Datenbank. Doch Angebote des Erinnerns, Vergleichens oder Überblickens bleiben selten. Eine Ausnahme ist die Werkstätte «Spuren im Bild», die den Denkraum um eine Schicht vertieft, indem sie das Gese­hene mit einer didaktisch gezielten Zu­satzinformation verknüpft. An einem einzigen, ausgewählten Bild aus einer Chronik von Diebold Schilling wird das stark geführte Auge immer schärfer, bis ich sehe, was nicht stimmen kann: Die Brücke auf dem Bild bestand wohl in der beschreibenden Zeit aus Stein, nicht aber in der beschriebenen. Solch geschickt präsentierte Wider­sprüche zeigen, wieviel die Praxis der Geschichtsvermittlung mit Bildern, mit dem bildlichen Erzählen und mit dem Gedächtnis zu tun haben kann – und wie der Computer helfen kann.

Geschichts-Werkstatt: Sehen lernen, dass die Brücke in der beschreiben­den Zeit, nicht aber in der beschrie­benen aus Stein bestand


Mehr Mittel, weniger Möbel
Für das Schwyzer Museum, wo die Aus­stellung permanent und die Exponate gegeben sind, kann Multimedia als flexibel steuerbare und erweiterbare Lesehilfe dem Einstieg, dem Zusam­menhang und der Erinnerung gut nüt­zen. Die drei Projekte sind solide und umsichtig gemacht und funktionieren wie am Schnürchen. Allerdings sind sie geschlossene, fertige Produkte. Ein wichtiger Unterschied der Multimedien zu herkömmlichen Medien ist die Of­fenheit, die ständige Veränderung. Ein weiterer ist die viel gerühmte Interak­tivität: Möglich wäre in der Schwyzer Historikerwerkstatt ja durchaus, ein «Computer-Forum» einzurichten, in dem der Besucher seine Spuren hin­terlassen könnte. Und Zukunftsmusik ist schliesslich, das Haus mit Medien zu erweitern, welche als Weg zum Muse­um funktionieren könnten: Beispiels­weise mit einer CD-ROM, mit der man unter anderen einen Museumsbesuch im Schulzimmer vor- oder nachberei­tet. Gewiss, das alles braucht Geld. Ar­nold Design und das Forum für Schwei­zer Geschichte suchen danach. Ebenso notwendig ist aber die Einsicht, dass fortschrittliche Lehr-, Lern- und Lese­mittel von Anfang an im Schnittbereich von Schulen, Museen, Archiven und der Öffentlichkeit konsequent geplant werden müssen. Wo historisches Le­sen, Erleben und Verstehen so zusam­mentreffen wie im Schwyzer Forum, müsste Multimedia mehr Mittel und weniger Möbel sein.

Forum Schweizer Geschichte

Auftraggeber: Schweizerisches Landesmuseum

Die Infopoints
Verantwortlich: Peter Pfrunder

Design: Arnold Design Uerikon, Barbara Erb und Lukas Huggenberg
Text: Martin llli,
Mitarbeit: Christian Pfister, Dorothea Ripmann, Mireille Othenin-Girard
Bildersuche: Ueli Suter
Ton: Jürg von Allmen
Programmierung: Gerold Ritter
Software: FreeHand, Illustrator, Photoshop, XPress, ScreenReady für Grafik; Director für Animation;
Pro Tools und SoundEdit Pro für Ton.
Autorensystem: Apple Media Tool

Die Geschichts-Werkstatt
Verantwortlich: Walter Leimgruber
Design: Arnold Design Uerikon, Lukas Huggenberg und Yves Sablonier
Text: Gerold Ritter, Regula Schmid, Ulrich Suter, Ulrich Vonrufs, Dominik Sauerländer
Software: Freehand, Illustrator, StudioPro und PhotoShop.
Autorensystem: SuperCard

Urs Arnold
Seidenparkwed 7
CH–8712 Stäfa
Switzerland

mail@arnoldurs.ch
+41 79 428 69 56

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