Dornenreicher Weg

MACup-Autor Urs Arnold, Inhaber eines Design­studios, hat elek­tro­nische Bild­­ver­arbeitung prak­tisch durch­litten. In seinem Anwender­bericht be­schreibt er, wie es ihm bei der Pro­duktion eines 16seitigen Farb­prospekts ohne Litho­gra­phen er­gangen ist.

SEIT ein­ein­halb Jahren gestalte und produ­ziere ich prak­­tisch sämt­liche Auf­träge auf dem Mac; von An­zeigen, Pro­spekten, Signets und Logos bis zu umfang­­reichen Cor­porate-Iden­tity-Pro­­grammen und ganzen Maga­zinen. Alle Arbeiten lasse ich auf der Li­no­tronic be­lichten und liefere dem Drucker die fertigen Filme ab – bis auf die Bilder, die ich immer noch von pro­fessio­nellen Litho-Anstalten pro­duzieren lasse. Eines Tages je­doch packte mich der Über­mut: Ich wollte einen 16seitigen Farb­pro­spekt im A3-Format ohne Litho­gra­phen pro­duzieren. Nicht mit kleinen mick­rigen Bildchen, wie wir es alle in der Werbung für Color-DTP se­hen, sondern mit großen seiten­fül­lenden Auf­nahmen. Den Auf­trag dazu gab ich mir gleich selber, als Eigen­werbung für meinen Be­trieb.
Die finan­ziellen Auf­wendungen für elek­tronische Bild­verar­beitung sind enorm, bei der Hard­ware ange­fangen. Ein Mac­intosh Ilx mit 300-Megabyte-Fest­platte ist gerade gut genug, 8 Megabyte Haupt­speicher sind selbst­ver­ständlich, der 24-Bit ­Farb­monitor ein Muß. Dazu ein Farb­scanner mit 24-Bit-Farb­tiefe, ein Wechsel­platten-Lauf­werk und jede Menge Car­tridges. Weiter geht’s mit der Soft­ware: Quark XPress, LaserPaint, FreeHand, Pho­toMac, PixelPaint, das unver­schämt teure SpectrePrint und Spectre­Match für die Farb­sepa­ration.

DÄUMCHEN DREHEN
Mit dem Sharp-ColorScanner ist es zwar möglich, A3-Auf­sichts­bilder zu scannen, nicht aber vier­farbige Bil­der in einer Auf­lösung von 300 dpi. Und das wäre für mein Vor­haben das Mindeste gewesen. Kon­se­quenz: Die Vor­lagen mußten in zwei oder drei Teilen ge­scannt und dann in PhotoMac zu­sammen­gefügt werden. Bis in Photo­Mac ein 20- Mega­byte-Bild auf­gebaut ist, gehen locker 10 Minu­ten ins Land. Es zu kopieren und in der Zwischen­abla­ge abzu­legen dauert wieder einige Minuten. Ein leeres Doku­ment in einer Größe von etwa 320 mal 450 Millimeter zu öffnen: auch ein paar Minu­ten. Die nächste halbe Stunde geht damit drauf, das Bild aus der Zwischen­ab­lage zu holen und zu speichern. Das nächste Bild zu holen, zu kopieren und mit dem ersten zusammen­zufügen kostet erneut 20 Minuten.

Im nächsten Arbeits­schritt ist der genaue Aus­schnitt zu be­stimmen und zu speichern: eine Viertel­stun­de. Jetzt hat das fertige A3-Bild eine Speicher­größe von zirka 30 Mega­­byte ange­nommen. Das selek­tierte Bild wird neu geöffnet, wieder ver­­gehen 10 Minuten. Die nächste Viertel­stunde ver­bringe ich damit, darauf zu warten, daß das fertige Bild zur Weiter­ver­arbeitung in SpectreMatch als 24-Bit-Tiff ge­­speichert ist.

Damit hat es sich immer noch nicht. Nach den Farb­korrek­turen in Spectre­Match wird das Bild für die Farb­sepa­ration in Spectre­Print er­neut ge­speichert, bei einem Doku­ment dieser Größe kann man froh sein, wenn man inklu­sive Sepa­ra­tion mit weniger als zwei Stunden davon­kommt. Nachdem end­lich alles ins Layout­pro­gramm inte­griert ist, will ich natür­lich Kontroll­ko­pien auf meinem Laser­Writer ma­chen, im Sepa­rations­modus ver­steht sich. Das heißt, ich kann er­neut vier mal 20 Minuten Däumchen drehen – und das für ein ein­ziges DIN-A3-Bild.

KINDERLEICHT?
Vier­farb­sepa­ra­tionen sind über­haupt kein Problem mehr, wenn es sich um in Free­Hand oder Illu­strator er­stellte Graphiken handelt. Auch die Ein­bindung in ein Layout­pro­gramm ver­ur­sacht keine Bauch­schmerzen. Die Be­lichtung aller Farb­aus­züge auf der Lino­tro­nic bringt her­vor­ragende Resultate, die den Ver­gleich mit Ar­beiten pro­­fessio­neller Litho-Anstalten nicht zu scheuen brauchen, ja, in vielen Be­reichen besser sind und ganz si­cher kosten­güns­tiger.

Anders ver­hält es sich bei der Sepa­ra­tion vier­farbiger Bilder. Während der Ar­beiten an meinem Prospekt kam ich mir zeit­weise vor wie eine Sekre­tärin im Büro, die mit Hilfe von Page­Maker plötzlich ganze Publi­ka­tionen er­stellen soll. Litho­­graphieren ist ein Job, der viel Wissen und Erfahrung vor­aus­setzt, die nicht ein­fach mir nichts, dir nichts er­setzt werden können. Hin­zu kommt, daß die Preise pro­fessio­­neller Litho­betriebe in An­betracht der Resultate keines­wegs über­höht sind. Das alles wußte ich natür­lich schon vorher, doch ich wollte mit meiner Arbeit ja heraus­finden, was mit den heute zur Ver­fügung ste­henden Mitteln im Desktop-Bereich möglich ist.

Color-DTP heißt für Un­geübte zuerst einmal, uner­läß­liches Fach­­wissen zu er­werben. Ohne Unter­­stützung eines Druck­fach­manns wären Themen wie etwa Selektiv­­farb­korrektur, Unter­farben­ent­fer­nung (UCR), Un­bunt­auf­bau, das Ver­hältnis von Auf­lösung (dpi) zu Raster­weite (lpi), Raster­winkelung, Be­rück­sich­tigung der Punkt­zunah­me im Druck etc. für mich böhmi­sche Dörfer ge­blieben. Und wenn man es einiger­maßen be­griffen hat, heißt das noch lange nicht, daß man auch damit um­gehen kann. Hier gibt es nur eins: testen, testen und noch­mals testen und Er­­fahrungen sammmeln­ Hard- und meln. Spectre­­Print und Spectre­Match sind zwar hervor­ragend gemachte Pro­gramme, aber ein Hand­­buch, das diesen Namen ver­diente, steht trotz des horrenden Preises nicht zur Ver­fü­gung. Ein Post­Script-Farb­drucker würde sicher ge­waltig helfen, getä­tigte Farb­mani­pula­tionen besser zu kon­trollieren, aber noch sind die Preise für einen solchen Appa­rat au­ßer­halb meiner finan­ziellen Reich­weite.

Arnolds Opus magnum: Vorlagen gescannt mit Sharp-ColorScanner über Pixel­Scan und Laser­­Paint; retuschiert und mon­tiert in Photo­Mac und als 24-Bit-Tiff­Oateien expor­tiert; Schwarz­weiß­bei­spiele in Digi­tal Oark­room über­arbei­tet und eben­falls als Tiff­-Dateien ge­speichert; Farb­korrek­turen über Spectre­Match; Sepa­ration mit SpectreP­rint; Typog­raphie, Layout und Bild­inte­gration in Quark XPress.


SCHWERSTARBEIT
Als alles auf das belichtungs­fertigste vor­bereitet scheint, stellt sich heraus, daß ein­zelne Seiten in­zwischen so groß ge­worden sind, daß sie auf einer 45-Megabyte-Wechsel­platte keinen Platz mehr haben. Also auf­teilen auf zwei Wechsel­platten, das Belich­tungs­studio kann ja alles wieder auf eine Fest­platte kopieren. Kein Pro­blem! Kein Problem? Beim Kopieren schleichen sich bei dieser Daten­menge doch kleine Fehler ein. Das Resultat: Absturz.

Ich orga­ni­siere bei meinem Händler eine zu­sätz­liche externe 100-Megabyte-Fest­platte, damit ich ein Doku­ment, ohne es aufzu­splitten, direkt in den Be­lichter schicken kann. So funk­tioniert es – ab­gese­hen davon, daß die Lino­tronic zwar bis zu einer Breite von 300 Milli­­meter be­lichten kann, dies aller­­dings, ohne daß die Beschnitt­zei­chen einge­rechnet wären. Die Kon­­sequenz: Alle Doku­mente auf eine maxi­male Breite von 280 Milli­me­ter um­ar­beiten und erneut Däum­chen drehen. Beim nächsten Versuch arbeitet die Lino­tronic wie ge­plant … eine ganze Nacht für eine einzige Seite. Für mein Belichtungs­studio war das der An­fang einer schein­bar nicht enden wollen­den Mühe, bis end­lich alle 16 Seiten unter Dach und Fach waren. Keine Seite konnte problem­­los be­lichtet werden. Manchmal kamen die Filme völlig ver­zogen aus der Maschine. Das zog um­fang­reiche Tests von Film- und Ein­gabe­kassetten nach sich, bis das op­­timale Material dann end­lich gefunden war. Oder auf einem mehr­teili­gen Dokument fehlten ein­zelne Farb­auszüge, was für mich wieder­um Neu­be­lichtungen und weitere Tests be­deu­tete.

STUNDE DER WAHRHEIT
Von jeder belich­­teten Seite wurde schließ­lich ein Farb-Proof er­stellt. Hatte sich der Auf­wand gelohnt? War alles in Ordnung? Keines­wegs. Die näch­sten Unzuläng­lich­keiten kamen ans Tages­licht. Es gab fast keine Sepa­­ration ohne Moire-Bildung, na­ment­lich in den dunklen Bereichen. Das führte bei einzel­nen Seiten zu voll­ständigen Über­arbei­tungen, Tests mit anderen Raster­wink­lun­gen, Raster­weiten und Grada­tionen. Das Resul­tat wurde zwar besser, doch immer noch nicht sensa­tionell gut. Positiv an den Ver­suchen war die Er­fahrung, daß sie über­haupt möglich waren.
All­zubald werde ich so etwas nicht wieder machen. Es gab Zei­ten, da hätte ich meinen Mac am liebsten zum Fenster hinaus­gewor­fen und Schluß gemacht. Der Mate­rial- und Zeit­auf­wand ist gewaltig und im Moment sicher noch völlig unöko­nomisch. Allein die Belich­tungs­kosten zum Beispiel für die Titel­seite lagen bei 800 Franken – ohne Korrek­turen ver­steht sich.
v Dennoch war es für alle Beteilig­­ten eine wichtige Er­fahrung, die uns auch eine Menge Spaß ein­brachte. Beispiels­weise bei der Er­stellung der Illu­strationen mit Pixel­Paint und Super­Paint (siehe Titel­illu­stra­tion). Oder bei der Arbeit mit Pho­to­Mac und seinen Möglich­keiten für Bild­montagen und Retu­­schen. Oder bei den Arbeiten mit Spectre­­Print und Spectre­­Match, wenn der Cursor zum Densitometer wird und ich für jeden Punkt auf einer Bild­­fläche die Farb­anteile kon­trol­lieren und mani­pulieren kann.
v In Zu­kunft kann schließ­lich al­les nur noch besser werden: Schnel­lere Com­puter werden die elende War­terei beenden. Ver­besserte Scanner, Be­lichter und Farb­drucker ver­langen nach neuen Inves­titionen – elek­tronische Bild­ver­arbeitung auf dem Mac­intosh wird ein teurer Spaß bleiben.

Urs Arnold
Seidenparkwed 7
CH–8712 Stäfa
Switzerland

mail@arnoldurs.ch
+41 79 428 69 56

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